Jeder soll die gleiche Chance haben, seinen Bedürfnissen nachzugehen.
Interview Carine Nickels, Präsidentin der „Association nationale des Victimes de la Route – AVR“
Frau Nickels danke für ihre Zeit. Für unsere Leser, die Sie nicht kennen können Sie sich bitte mal kurz vorstellen?
Sehr gerne, mein Name ist Carine, ich bin 49 Jahre alt und seit einem Autounfall der 2012 vorgefallen ist, Tetraplegiker. D.h. ich bin von der Brust aus an gelähmt mit wenig Mobilität in den Armen und fast keine Greifkraft in den Händen.
Trotz allem habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, dem Publikum zu zeigen, dass eine Behinderung zu haben, nicht gleich behindert sein heißt. Es ist mir sehr wichtig, mein Leben so autonom wie möglich zu leben. Auch ist es mir wichtig, anderen zu zeigen, dass man trotz Behinderung etwas wertvolles machen kann und auch anderen helfen kann. Deswegen bin ich auch seit einigen Jahren im Vorstand der „Association nationale des Victimes de la Route – AVR“ und seit zwei Jahren auch deren Präsidentin.
Mission des OSAPS ist es unter anderem ja sicher zu stellen, dass die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen verbessert wird. Auf welche immer wiederkehrenden Barrieren stoßen Sie selbst immer wieder?
Es gibt viele Barrieren, die Menschen mit Behinderung im Alltag begegnen. Am offensichtlichsten sind zu hohe oder zu schmale Gehsteige, sowie Gebäude, die durch Treppen oder zu enge Aufzüge schwer oder gar nicht zugänglich sind.
Doch es gibt auch Hindernisse, an die viele gar nicht denken würden: Geldautomaten, die so hoch angebracht sind, dass Rollstuhlfahrer sie nicht erreichen können. Klingeln, die weit oben an der Wand montiert sind. Automatische Türöffner, die zwar hilfreich sein sollen, aber ebenfalls zu hoch angebracht sind und mir daher keine Unterstützung bieten. Oder andere Geräte wie Ticketautomaten im Kino – sie befinden sich zwar in einer passenden Höhe, sind jedoch so verbaut, dass ich mit meinem Rollstuhl nicht nah genug herankomme, um sie zu bedienen.
Besonders ironisch ist es, wenn mir am Telefon versichert wird: „Macht euch keine Sorgen, wenn ihr ankommt, klingelt ihr und wir helfen euch sofort.“ Und dann stellt man vor Ort fest, dass man die Klingel überhaupt nicht erreichen kann.
Was bedeutet Inklusion für Sie? Wann ist oder wird sie Ihrer Meinung nach erreicht sein?
Für mich bedeutet Inklusion, jedem Menschen die Werkzeuge zu geben, die er braucht, um etwas erreichen zu können. Jeder soll die gleiche Chance haben, seinen Bedürfnissen nachzugehen. Es bedeutet nicht, jemandem mehr zu geben, weil er besondere Bedürfnisse hat, sondern dafür zu sorgen, dass es für ihn genauso einfach ist wie für alle anderen.
Ein Beispiel: Zehn Menschen sitzen an einem Tisch und jeder bekommt einen Teller Suppe. Nun erhalten fünf von ihnen einen Löffel, die anderen fünf aber eine Gabel. Technisch gesehen haben alle etwas zu essen – doch nur die Personen mit einem Löffel werden auch satt werden. Das wäre keine Inklusion und keine Gleichberechtigung. Wenn jedoch alle einen Löffel bekommen, dann sprechen wir von Gleichberechtigung.
Hat nun einer der zehn keine Arme, sollte er ein Hilfsmittel bekommen, zum Beispiel einen Strohhalm, damit auch er essen kann. Das ist Inklusion: Hindernisse so zu beseitigen, dass jeder Mensch unabhängig von seinen Fähigkeiten selbstbestimmt teilhaben kann.
Zum Schluss, was erhoffen sie sich in Zukunft generell beim Thema „Barrierefreiheit“?
Was ich mir in Zukunft beim Thema Barrierefreiheit wünsche? Genau das, was das Wort selbst verspricht: keine Barrieren mehr. Wie ich bereits oben erwähnt habe, ist es mir wichtig, mein Leben so autonom und selbstbestimmt wie möglich führen zu können. Natürlich ist das nicht immer leicht, wenn man im Alltag auf Unterstützung angewiesen ist. Aber darüber hinaus möchte ich selbst entscheiden können, wann ich was mache.
Ich möchte frei wählen können, ob ich heute Abend ins Restaurant gehe oder morgen ins Kino. Ob ich mein Geld in der Bank abhebe oder den Automaten benutze. Ob ich persönlich zur Gemeinde gehe oder ganz einfach per Brief wähle.
Selbstbestimmung ist für jeden Menschen wichtig — und das gilt natürlich genauso für Menschen mit Beeinträchtigung. Wir haben keine „besonderen“ Bedürfnisse. Wir haben dieselben Bedürfnisse wie alle anderen — nur ist es für uns oft schwieriger, sie zu erfüllen.
Was wir uns erhoffen, ist, dass es in Zukunft leichter wird: dass Barrieren verschwinden und wir unsere Bedürfnisse genauso leben können wie jeder andere auch.
Vielen Dank für dieses kurze Gespräch.
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